Die beiden Ärzte und Eltern Dres. med. Annalena und Lukas Dehé aus Frankfurt am Main (vormals Berlin) engagieren sich für die Versorgung von Kindernotfällen im Alltag und haben dafür ein neues Fortbildungskonzept, einen Videokurs für junge Eltern entwickelt. Das Interview führte Dr. med. Cornelius Weiß.

Als Internistin und Anästhesist mit zwei Kindern sind Ihre Tage sicherlich gut gefüllt. Wie kam es dazu, dass Sie jetzt zusätzlich einen Kurs für Kindernotfallversorgung initiiert haben?

Dr. med. Annalena Dehé: Ich denke, viele Ärztinnen und Ärzte kennen das: Sobald man sich als Arzt in einer Gruppe „outet“, wird man häufig mit vielen Fragen konfrontiert. Unter Notfallmedizin kann sich jeder etwas vorstellen. Da wir ja selbst Eltern sind, ist uns aufgefallen, dass gerade in dieser „Elternbubble” Kindernotfälle ein allgegenwärtiges Thema sind und vor allem die Angst davor, hilflos zu sein.

Aber nicht jeder Arzt entwickelt einen Kurs, wenn im Alltag Fragen gestellt werden. Wieso haben Sie das gemacht?

Dr. med. Lukas Dehé: Uns ist aufgefallen, dass kein Kurs vorhanden war, den wir optimal fanden. Und wir selbst bringen eigentlich alles mit, was es braucht, um das Ganze selbst angehen zu können, quasi einen Kurs zu entwickeln, so wie wir ihn als Eltern gerne gehabt hätten.

Inwiefern? Wo sehen Sie das Problem, das Wissen über Kindernotfälle in die Breite zu bekommen?

Dr. Annalena Dehé: Das große Problem ist, so ein „Event”, wie einen Kurs zu besuchen, in den Alltag zu integrieren. Wir alle kennen es. Zwischen Arbeit, Kita, Einkauf und was das Leben sonst noch so bereit hält, trotz der großen Wichtigkeit, findet sich nie die Zeit für einen Kindernotfallkurs. Und was bringt es, wenn das Wissen vorhanden ist, es nur keiner abrufen kann?

Dr. Lukas Dehé: Deshalb war uns wichtig, dass der Kurs online angeboten wird, damit jeder mitmachen kann und wir es trotzdem schaffen, praktisches Üben zu gewährleisten. Daher auch die eigene Simulationspuppe, die jeder Teilnehmer nach Hause geschickt bekommt.

Was meinen Sie damit genau?

Dr. Annalena Dehé: Studien zeigen ganz deutlich, dass nur, wer regelmäßig Erste-Hilfe-Maßnahmen übt, diese im Notfall auch abrufen kann. Unser Wunsch ist es, das Thema Erste Hilfe am Kind zu „entangsten“ und mehr Menschen zu Lebensrettern zu machen, denn jeder kann Erste Hilfe „lernen“ und leisten. Aber dazu muss man eben auch die Vorteile eines Präsenz- und eines On-Demand-Kurses, also jeweils bestimmte Aspekte davon, in die digitale Welt verlagern, aber eben nicht alles. Deswegen ist es so wichtig, dass wir beim Kurs an der Puppe üben und ganz praktische Fertigkeiten dabei lernen.

Würden Sie auch Kolleginnen und Kollegen empfehlen, sich dem Thema noch mal anzunehmen, oder ist das nur etwas für Laien?

Dr. Annalena Dehé: Auf jeden Fall. Die meisten von uns haben im Rahmen der Führerscheinprüfung den ersten Kontakt mit einem Erste-Hilfe-Kurs erlebt. Im Studium hat man ebenfalls immer wieder diverse Notfallkurse und Praktika und auch mit dem Berufseinstieg sind regelmäßige Erste-Hilfe-Schulungen nachzuweisen. Für den Großteil der praktizierenden Ärzte (die nicht in der Kinderheilkunde tätig ist) sind dies allerdings Erste Hilfe-Kurse an und für erwachsene Patienten. Und ja: „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“, da schließe ich mich selbst gar nicht aus: Man muss bestimmte Dinge immer wieder üben, auch wenn man sie prinzipiell schon weiß.

Wie läuft das mit der Puppe genau?

Dr. Lukas Dehé: Das Besondere an unserem Kurs ist eben genau unsere Simulationsübungspuppe, die jeder Kursteilnehmer zugesandt bekommt. Diese wird zum Eigentum jedes Teilnehmenden, damit Erste Hilfe Maßnahmen mehrmals im Jahr aufgefrischt werden können. Die Empfehlungen der Gesellschaften gehen zwar etwas auseinander, aber Erste-Hilfe-Wissen sollte mindestens alle zwei bis elf Monate aufgefrischt werden. Unser Wunsch ist, dass die Übungspuppe, nach entsprechender Desinfektion, an weitere, in der Baby- und Kinderbetreuung involvierte Familienangehörige und Babysitter weitergegeben werden kann, um diese ebenfalls in Erster Hilfe zu schulen. So viele Menschen sind an der Kindererziehung beteiligt, dass wir hoffen, dazu beitragen zu können, eine Art „Kindernotfall-Allgemeinbildung” in die Breite zu bekommen.

Wieso heißt Ihr Videokurs eigentlich „12minutes?”

Dr. Annalena Dehé: Im Durchschnitt dauert es zwölf Minuten, bis der Rettungsdienst eintrifft. Wir hoffen, dass wir helfen können, genau diese zwölf Minuten bestmöglich überbrücken zu können.

Das Interview führte Dr. med. Cornelius Weiß,Vorstandsmitglied des Berufsverbandes Deutscher Internistinnen und Internisten sowie Sprecher der Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung, Delegierter der Landesärztekammer Hessen.

Biografisches/Link

Dr. med. Annalena Dehé ist Fachärztin für Innere Medizin, Zusatzbezeichnung Notfallmedizin.

Dr. med. Lukas Dehé ist Facharzt für Anästhesiologie, Zusatzbezeichnung Notfallmedizin.

Internet: www.12minutes.de